Von Wildschweinen und anderen radioaktiven Dingen.
"Music For Not-So-Feral Hogs" vom Victor Gelling Nonett



Nach dem 2020 erschienenen Debütalbum seiner Formation "Trash & Post-Chaotic Music"
lässt sich Victor Gelling zweifelsfrei ein Hang zu großformatigen Besetzungen attestieren. Spielte "Everything I Glue Together Falls Apart" viel mit Populärkultur, formt sich in neuer Nonettbesetzung ein Klang, der vielmehr an Neue Musik erinnert. Dies nicht ohne Grund: Gelling blieb seitdem auch in der zeitgenössischen Musik umtriebig und spielte u.A. Auf Dem "Acht-Brücken"-Festival in Köln, dem "Warschauer Herbst" und nahm an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil. Gemeinsam mit seiner Liebe zu Popkultur also ein potenziell explosiver Cocktail, der sich zweifelsohne nicht einem strikten Genre zuordnen lassen möchte.

Nun also "Music For Not-So-Feral Hogs", Musik für Nicht-So-Wild-Schweine.
Gelling, der in der Nähe Berlins aufgewachsen ist, darf sich als vertraut mit ihnen bezeichnen. "Das Leben und der Umgang mit Wildschweinen war bereits seit meiner Kindheit Alltag für mich", so Gelling. "Außerdem bin ich großer Fan des Kraftwerk-Albums 'Radioaktivität'. Eines Tages stolperte ich über einen Artikel über Wildschweine, die sich in den radioaktiven Gebieten um das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima ausbreiten. Die Tiere scheinen resistent gegenüber der Strahlung zu sein, sind teils selbst radioaktiv verstrahlt. In meinem Kopf provozierte das sofort Bilder von kosmischen Superkräften. So entwickelte sich langsam die Idee für die Texte."


Neben Wildschweinen handeln die Texte von Radioaktivität, Radio-Aktivität und dem Weltall. Der textliche Einfluss des 1975 erschienenen Kraftwerk--Albums lässt sich nur schwer leugnen. Ein entscheidender Unterschied ist jedoch die üppige, größtenteils akustische Besetzung des Ensembles. Diese erinnert eher an zeitgenössische Kammerensembles denn an Düsseldorfer Elektro-Pop Bands. Gesang, Saxophon, Cello, Kontrabassblockflöte, Bassflöte, E-Gitarre, Kontrabass, Vibraphon und Chromelodeon, ein mikrotonales Instrument des Komponisten Harry Partch, erklingen teils als Kontrast, teils als gravitationsreiche Kraft in die selbe Richtung. Neben den langjährigen Weggefährt:innen Claudia Schlutius (Gesang), Eric Haupt (Gitarre) und Emily Wittbrodt (Violoncello) sind aus der Grenzregion zwischen Neuer Musik und Freier Improvisation kommend Franziska Salker (Kontrabassblockflöte), Izabel Pop (Bassflöte), Emilia Gołos (Klavier, Synthesizer), Moritz Koch (Vibraphon, Schlagzeug) und die US-Amerikanerin Marta Tiesenga mit von der Partie.

Das titelgebende Stück "Hogs" eröffnet die Platte mit lautem, zwischen sämtlichen Instrumenten verwobenden Statement, nur um kurz darauf von gespenstisch anmutenden Worten von Claudia Schlutius kontrastiert zu werden. Das Stück zeichnet die Geschichte der Wildschweine in Fukushima als dystopisches Kindermärchen nach, eingebettet in eine Klangästhetik zwischen Peter Brötzmann, Jonathan Harvey und Iannis Xenakis.
Das darauffolgende Stück "Sirenengesang" könnte nicht unterschiedlicher sein: "It's like the Radio is slightly out of tune, and you're out of tune, for everybody else / Somewhere between the oceons of white noise, has to be a voice, calling out for me." erklingt im intimen Dialog zwischen Klavier und Stimme ein Duett, welches aus dem Great American Songbook stammen könnte. Hier zeigt sich eine der großen Stärken des Albums: Die starken Einflüsse aus Neuer Musik werden durchdrungen von Pop-Kultur und schaffen so ein texturiertes, vielschichtiges Gesamtbild. Während die impressionistisch gehaltene Komposition "Am Firmament Lachen Traurig Die Sterne" gänzlich ohne Text auskommt, werden in "It's In The Air For You And Me" gekonnt Texte über Kernenergie in ein dichtes Gefüge aus unterschiedlichsten Klängen eingebettet – Wiederum ein Verweis auf ein Stück aus "Radioaktivität" von Kraftwerk. "Sirenengesang II" stellt auf diesem Album die von Gelling geliebten Reprisen und wiederkehrenden Elemente bereit: Erklang das Stück vorher als Klavierballade, wird es nun mittels zweier Handkurbel-Sirenen aus der DDR im doppelten Sinne des Wortes ein Gesang von Sirenen. Zusammengehalten wird dies am Ende noch durch ein "Finale", in welchem nochmals lautstark und unter Zuhilfename vieler elektronischer Tricks ein Bogen geschlossen wird, welcher sich über die gesamte Spielzeit expandiert.

"Der Einfluss der zeitgenössischen Musik ist auf jeden Fall stark auf diesem Album zu hören, auch dank der fabelhaften Besetzung", so Gelling. "Auch bin ich glücklich, dass die vielen Verspieltheiten sich mit einem Augenzwinkern stimmig in das Album einfügen. Oft ist es für mich so: Egal, an was ich gerade arbeite, Neue Musik, Jazz, Freie Improvisation – irgendwo schwingt die Popkultur immer mit, sei es als entferntes Rauschen oder in treibenden Wellen."

Claudia Schlutius – Gesang
Marta Tiesenga – Saxophon
Emily Wittbrodt – Cello
Franziska Salker – Blockflöten
Izabel Pop – Querflöten
Eric Haupt – Gitarre, Elektronik
Victor Gelling – Kontrabass, E-Bass, Synthesizer
Emilia Gołos – Klavier, Chromelodeon, Synthesizer
Moritz Koch – Vibraphon, Schlagzeug, Perkussion